DeutschFrançais
PROCHAINES REUNIONS :
28.02.2012 19:30
Sektion Unterelsass
Schwenheim
  05.03.2012 19:00
Grosser Rat
Schlettstadt
  06.03.2012 20:00
Sektion Oberelsass
Burnhaupt
Mitteilungsblatt


























Partager

30.10.2011
Mehrwert durch weniger Deutschunterricht?
(Die Dolomiten, 21.09.2011)

STRASSBURG. „Die Rektorin der Akademie soll zurücktreten!“ Die Elsässer Bewegung „Unser Land“ ist entsetzt: Ausgerechnet Armande Le Pellec-Muller, die Leiterin der französischen Schulbehörde, der Straßburger Akademie für nationale Bildung, will den Deutschunterricht im Elsass einschränken – dabei bräuchte es zwischen Rhein und Vogesen nicht weniger, sondern mehr Unterricht in der Sprache der Nachbarn.

Denn es sind gleich zwei Staaten, die an das Elsass grenzen und für dessen Arbeitsmarkt große Bedeutung haben: Arbeitnehmer aus dem Elsass fahren nicht nur über den Rhein nach Deutschland zur Arbeit, sondern auch in die Schweiz.

Die Schweizer Wirtschaft beschäftigt Tausende von Grenzgängern: 28.000 sind es allein in den Kantonen Basel und Aargau. Vor acht Jahren waren es aber noch gut 31.000, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ unlängst feststellte. Der Grund für den Rückgang: Abnehmende Deutschkenntnisse im Elsass.

Dabei werden laut NZZ nicht nur von den Grenzgängern gute Deutschkenntnisse verlangt: In 70 Prozent der Stellenanzeigen im Oberelsass selbst werde die Beherrschung der Sprache des Nachbarn gefordert.

Genau dieser Begriff „Sprache des Nachbarn“ ist für „Unser Land“ aber schon Teil des Problems: „Langue du voisin“ bedeutet den Unterricht des Deutschen als Fremdsprache, nicht als Muttersprache. Der Unterricht als Fremdsprache aber ist für das Überleben der Muttersprache vieler Elsässer und auch für das damit verbundene Fortbestehen ihrer alemannischen Mundart zu wenig.

Das Ergebnis der französischen Schulpolitik machte jüngst ein Bericht der „Badischen Zeitung“ deutlich: Während in der badischen Grenzstadt Kehl immerhin 50 Prozent der Geschäftsleute leidlich französisch zu parlieren wussten, sprachen in Straßburg kümmerliche 20 Prozent Deutsch – obwohl es dort Regionalsprache ist!

Angesichts dieser Entwicklung wird der Protest von „Unser Land“ verständlich, als Akademie- Rektorin Armande Le Pellec-Muller (Bild) die Absicht äußerte, in einigen Grundschulklassen mit zweisprachigem Unterricht solle die Zahl der auf Deutsch unterrichteten Stunden von zwölf auf acht gesenkt werden; statt zwei muttersprachlichen Lehrern solle nur mehr einer pro Klasse tätig sein. Le Pellec-Muller verspricht sich von der Kürzung einen „Mehrwert“ des Deutschunterrichts; für „Unser Land“ ist diese Äußerung zynisch.

Dabei sind die zweisprachigen Schulen eine junge Errungenschaft: Erstmals wurde es in den 1990-er Jahren möglich, auch in öffentlichen Schulen zweisprachigen Unterricht zu halten; zuvor war  französisch einzige Schulsprache der „Grande-Nation“. 19.000 Schüler lernen die „Sprache des  Nachbarn“, die zu einem guten Teil ihre Muttersprache ist. Für „Unser Land“ ist die Ankündigung der Rektorin „eine Provokation“: Die Bewegung fordert, die Kompetenzen für die Bildung vom  Zentralstaat auf die Region zu übertragen, zweisprachigen Unterricht vom Kindergarten bis zur Universität zu garantieren und darin sowohl die Hochsprache als auch den Dialekt zu fördern.

Letztlich ist die Selbstverwaltung des Elsass – eine Autonomie – das Ziel von „Unser Land“, denn den Regionalpolitikern – „den Bütteln der Pariser Zentralregierung“ – traut sie nichts zu.

Bernard Wittmann, eine der Säulen der Elsässer Autonomiebewegung, sieht aber positive Zeichen in Sachen Autonomie: Das seit jeher in Frankreich verpönte Konzept gewinne an Boden, meint Wittmann. Er bezieht sich dabei auch auf eine Rede der Präsidentschaftskandidatin der französischen Grünen, Eva Joly, die Ende August bei der „Sommer-Universität der solidarischen Völker und Regionen“ in Mouans-Sartoux in den Seealpen für die Förderung der Regionalsprachen, für eine Autonomie Korsikas und des Baskenlandes, ja für eine Selbstverwaltung aller Regionen unter jeweils unterschiedlichen Statuten eingetreten war und den Präfekten, den alles bestimmenden Vertreter des Zentralstaates in den Departements, nicht nur als unmodern, sondern als „eine napoleonische Figur“ bezeichnet hatte.
Das französische Rechtssystem erkennt keine nationalen Minderheiten an. Tatsächlich aber gibt es in Frankreich rund fünf MillionenMinderheiten-Angehörige, die etwa 8,6 Prozent der 58,5Millionen  Staatsbürger ausmachen. Die Zahlen im Detail: Okzitanen gibt es rund drei Millionen (das sind 5,1 Prozent), Deutsche 1,3Millionen bzw. 2,2 Prozent (Elsässer 900.000, das sind 1,5 Prozent; dazu 400.000 Lothringer = 0,7 Prozent), Bretonen 250.000 (0,4 Prozent), Katalanen126.000 (0,2Prozent), Korsen150.000 (0,3 Prozent), Basken 40.000 bis 100.000 (0,2 Prozent), Frankoprovenzalen 60.000 (0,1 Prozent).

Hatto Schmitt