Madame Elisabeth LAPORTE
Rectrice de l’Académie de Strasbourg
6 rue de la Toussaint – 67000 Strasbourg

Schiltigheim, 10. Februar 2020.

Sehr geehrte Frau Rektorin,

Wir beglückwünschen Sie zu Ihrer Ernennung in das Amt der Rektorin von Straßburg, über die wir auch deshalb erfreut sind, weil Sie über die Agregation im Fach Deutsch verfügen. Vor dem Hintergrund der prekären Situation der Akademie Straßburg bestärkt Ihre Ernennung uns in der Hoffnung, dass Sie sich in besonderer Weise für eine nachhaltige Sprachpolitik zugunsten unserer Kinder engagieren.
Trotz dieses unbestreitbaren Bedeutungszusammenhangs befindet sie sich aber in einem unaufhaltsamen Niedergang. So ist es eine bestürzende Tatsache, dass im Fach Deutsch im ersten Studienjahr an der Universität Straßburg gegenwärtig nur noch 36 Studenten eingeschrieben sind (Le Monde, 10-11-19), obwohl den Standort Straßburg vor einigen Jahrzehnten noch ein exzellentes Gütesiegel auszeichnete. Unsere Regionalsprache mit ihren beiden Komponenten, der deutschsprachigen Mundart und dem Standarddeutsch als Schriftsprache –um eine Definition Ihres Amtsvorgängers Deyon (1981-1991) aufzugreifen- ist auf den Status einer Fremdsprache, um nicht zu sagen einer aussterbenden Sprache, zurückgeschrumpft. Zu keinem Zeitpunkt hat das Erziehungsministerium eine wirkliche Anstrengung unternommen, um den Gebrauch der Regionalsprache im Unterrichtswesen, in der Zivilgesellschaft und auch auf der politischen Ebene effektiv zu fördern, um diese so auch im sozialen Alltag unserer Kinder heimisch werden zu lassen. Die Resultate sind alarmierend: Nur 2% aller Kinder sprechen beim Eintritt in die Vorschule noch die Sprache ihrer Großeltern.

Leider haben Ihre Vorgänger nichts unternommen, um das Abgleiten des Elsass in einen nationalen Monolinguismus aufzuhalten, so dass das Elsass, aber auch ganz Frankreich, einen fast schon irreparablen Verlust an sprachlichem, kulturellem und historischem Reichtum erlitten haben. Die Elsässer mussten sich gegen Frau Armande Lepellec-Muller (2010-2013) zur Wehr setzen, als diese den frühzeitigen paritätischen zweisprachigen Unterricht in Frage stellte, indem sie versuchte den deutschsprachigen Anteil zu reduzieren, was ihr an zwei „progressiven“ Standorten auch gelang.

Und später waren es die Bretonen, die uns zu Hilfe eilten, als Frau Sophie Béjean (2016-2020) den Versuch unternahm, die Einrichtung der ersten Klassen mit immersivem Unterricht zu Fall zu bringen.

Unter Ihren Vorgängern ist Herr von Gaudemar zu würdigen, dessen Aktivitäten auch für Sie wegweisend sein könnten. Seine Rundschreiben präzisierten das Ziel, das die Sprachpolitik im Elsass ansteuern sollte: die am Ende des schulischen Bildungswegs zu erreichende Parität der Kompetenzen in der Beherrschung der beiden Sprachen, d.h. der Nationalsprache und der Regionalsprache. Das einzige Mittel, um dieses Ziel in einer quasi ausschließlich frankophon bestimmten Sprachumgebung zu erreichen, besteht in der dezidierten Anwendung des Immersionsprinzips beim Unterricht auf Elsasserditsch und Hochdeutsch, so wie es die privaten Schulen „ABCM“ (auf der Basis des pädagogischen Modells „DIWAN“ und anderer Regionalschulen) an den Standorten in Haguenau, Ingersheim, Mulhouse, Lutterbach, Muespach et Moosch modellhaft vorführen (siehe Anhang – DNA ). (siehe Anhang – DNA)

Diese Pädagogik hat sich weltweit bewährt – insbesondere auch nach 1919 bei der Entwicklung der Frankophonie im Elsass. Für eine Weichenstellung zugunsten dieser Pädagogik, könnten Sie künftig im Rahmen der staatlichen Verwaltung eine Vorreiterrolle übernehmen: Sie könnten die Forschung und die Ausbildung des Lehrpersonals für den Unterricht von Elsasserditsch und/oder Hochdeutsch in den Klassen der Vorschulen und Primarschulen gezielt vorantreiben und die Erlaubnis erteilen, dass –wie im Baskenland- das Sprachenlernen auf der Basis der Immersionsmethode auch in den öffentlichen Schulen im Elsass explizit gestattet wird. Dazu ist Immersion als Sprungbrett zur Mehrsprachigkeit.

Wir geben unserer lebhaften Hoffnung Ausdruck, dass Ihre Absicht, gerade auch jene Sprache zu fördern, die Ihren persönlichen akademischen Werdegang geprägt hat, nicht ausgebremst wird durch eine Unterordnung der Akademie von Straßburg unter jene des Grand Est, bzw. durch eine Zurückstufung Ihres Rektoratsamtes auf eine Stellvertreterfunktion, die abhängig wäre von den budgetären und organisatorischen Entscheidungen des Rektors einer kolossalen Großregion.

Dieser Rückschritt, der uns durch die Pariser Instanzen aufoktroyiert wurde, hat zu ebenso zahlreichen wie kostspieligen Kollateralschäden geführt, die durch die Territorialreform und die Streichung des Elsass von der institutionellen Landkarte und seine Fusion mit Lothringen und Champagne-Ardenne, heraufbeschworen wurden.

Die Fusion ist kaum geeignet, Illusionen über die realen Kompetenzen und die Entscheidungsautonomie der künftigen europäischen Gebietskörperschaft Elsass zu nähren, wenngleich dieser dem Buchstaben nach eine Pilotfunktion bei der Förderung des Standarddeutschen und der elsässischen Dialekte zukommen soll.

Wir ersuchen Sie mit großem Nachdruck, sich nicht mit einer untergeordneten Rolle zu begnügen, vielmehr möchten wie Sie ermutigen, sich mit Entschiedenheit für die besonderen Interessen des Elsass stark zu machen und hierzu auch die erforderlichen Kompetenzen und Mittel einzufordern.

Selbstverständlich sind wir jederzeit bereit, uns mit Ihnen zu einem Treffen zu verabreden, um Ihnen unsere Vorstellungen ausführlicher darzulegen. In der Hoffnung, Sie persönlich kennenzulernen, übermitteln wir Ihnen unsere herzlichen Grüße. In elsässischer Verbundenheit

Andrée MUNCHENBACH
Secréataire fédérale d’Unser Land

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